BEST OF GOLD – ODER: BALCEROWIAK GIBT 37 PUNKTE

BEST OF GOLD – ODER: BALCEROWIAK GIBT 37 PUNKTE

An der herzlichen Einladung irritierte nur Eines: Es wurde der Text des Frankenliedes angehängt und das abendliche, mehrstimmige Absingen desselbigen angekündigt. Deutsches Volksliedgut steht bei mir nicht wirklich hoch im Kurs, ergo machte sich so manche Bedenkenfalte auf der Stirne breit. Ob die Jungs und Mädels da oben im Fränkischen wirklich alle Latten am Zaun – und so. Aber als Verkostungsnovizen steht mir eine solch harsche Vorabkritik nicht zu. Also den Text mal beiseite geschoben und lustig den Koffer gepackt. Auf nach Würzburg  zur Verkostung „Best of Gold“, dem Leistungswettbewerb des fränkischen Weines.

Titel

Die reale Umsetzung des Frankenliedes mit der schönen Textzeile „Ins Land der Franken fahren … “ war dank der GdL nicht für alle Verkoster eine simple Aufgabe. Der in Berlin ansässige Kollege Rainer Balcerowiak wusste von einer Irrfahrt über Hannover zuzüglich ahnungsloser Zugbegleiter und einem angedrohten Zugverweis wegen Überfüllung des Fahrzeugs zu berichten. Ein Schicksal dem ich entgehen konnte – in Bayern war wie immer alles im Lot und ich pünktlich – inclusive Sitzplatz auch ohne Reservierung. Wäre ja auch noch schöner, wenn ich unter dem Zeichen des gestiegenen Selbstbewusstseins der fränkischen Weinbauern hätte leiden müssen. 11-mal haben die Franken ihre Besten in der gesamtbayerischen Landeshauptstadt München gesucht und gekürt, mit der zwölften Ausgabe ihres ‚Best-of-Gold‘ Wettbewerbs liessen sie 42 Juroren aus der ganzen deutschen Republik nach Würzburg kommen. Das diese regionalemanzipatorische Entscheidung auf Zustimmung stösst, zeigte auch der VDP Franken durch seine Entscheidung, die ihm angehörenden 28 Betriebe am Sonntag – dem Vortag des eigentlichen Wettbewerbs – mit einer öffentlichen Degustation zu würdigen und präsentieren. Schön das, wenn auch ein wenig voll im Congress Centrum. Denn siehe – der Franke scheint die eigenen Gewächse durchaus zu schätzen und drängelte sich zwischen Ständen, Winzern und Flaschen, das Glas fest im Griff und beständig gefüllt. Wir Verkoster mussten das weinselige Treiben nur kurz erdulden, die gnädigen Veranstalter des Wettbewerbs luden uns ins Juliusspiptal, wo neben Speis, Trank und Ruhe, auch nochSchild Balcerowiakeine komplette Verkostung der Weine des ehrwürdigen Juliusspitals geboten wurde. Wovon es aber keinerlei Bilder gibt, weshalb ich mir eine Beschreibung dieses sehr kommunikativen Programmpunktes erspare. Nur soviel: Der Jahrgang 2014 hat quer durch alle Qualitätsstufen   ein richtig gutes, geradezu hohes Niveau. Bemerkenswert!

 

Der Ort der eigentlichen Verkostung – am Montag – war die Würzburger Residenz, so ein bisschen Weltkulturerbe hebt die Stimmung unter den teilnehmenden Weinschluckern ganz enorm. Selbst der durch und durch proletarische Linkslotse Balcerowiak (Freundschaft!) war kurzzeitig beeindruckt und schien ob der barocken Pracht die eigene ostelbische Datsche für Momente zu vergessen. Diese kulturelle Gesamtbeeindruckung währte aber nur kurz, relativ flott saßen wir an den uns zugewiesenen Tischchen. Insgesamt 42 Jurorinnen und Juroren, darunter (Wein-)Kaufleute, Sommeliers, JournalistInnen und WeinakademikerInnen. Die allesamt den Eindruck vermittelten, an vergleichbaren Veranstaltungen mindestens schon hundertmal teilgenommen zu haben.

Da war es einigermaßen beruhigend, dass sich auf jedem Platz eine kurze Anleitung fand, die klar stellte, mit welchen Punkten die gewonnen Sinneseindrücke angemessen ausdrückt werden sollten. Weitere Unterstützung fand sich in den Ausführungen Balcerowiaks, der von einer Verkostung zu berichten wusste, bei der ein Kollege im international geläufigen 100-Punkte System einem Wein die historisch einmalige Klatsche von 37 (!) Punkte verpasste. Diese Benchmark hätte im von uns zu verwendenden 20-System mathematisch präzise 7,4 Punkten entsprochen. Aber der Elbling-Liebhaber Balcerowiak musste von dieser Maximalstrafe keinen Gebrauch machen. Wenngleich ihn bisweilen der Stachel lockte …

In dieser ersten Verkostungsrunde dürfen – oder besser ’sollen‘ – sich die Juroren austauschen. Um das zwischenmenschliche Eis zu brechen und um eine gemeinsame Verkostungssprache zu finden, wurde der sogenannte ‚Vorwein‘ gereicht. Mit seiner Hilfe soll ein gemeinsames Wertungsniveau gefunden werden. Das ist auch bitter nötig, denn zwischen den einzelnen Jurorenwertungen am Tisch dürfen maximal 2 Punkte Differenz liegen. Sonst muss ein Schiedsrichter eingeschaltet werden. Harmonie ist erste Testerpflicht. Beim Vorwein lagen wir schon mal ganz gut, 13 – 15 Punkte wurden aufgerufen. Die dpa Kollegin am Tisch, mit erschmeckten 14 Punkten, verstieg sich zu der sicher nicht ernst gemeinten Feststellung „Ich bin die Beste“. Was das Eis zwischen dem sechsköpfigen Verkosterpanel aber endgültig zum Schmelzen brachte.
Wir durften unser frisch gewonnenes Teamgefühl zuerst am Silvaner Kabinett ausprobieren. So in der Tendenz entstand der Eindruck, dass der klassische, ‚fränkisch-trockene‘ Stil, aus der Mode kommt. Da war ganz schön viel Restsüsse überall. Was der Weinhandelskollege lakonisch kommentierte mit einem „Der Verbraucher will das so“. Naja dann … Es wurde aber zum echten und fortwährenden Streitpunkt: Das Thema Typizität liess uns auch bei den folgenden Spätburgundern lebhaft ins Diskutieren kommen. Wie geht fränkischer Spätburgunder?

Flight Spätburgunder

Auf jeden Fall nicht so, wie der Zweite von links (s.o., mehr Infos zum Wein habe ich nicht, es wurde verdeckt verkostet) der so rauchig-speckig aus dem Glas sprang, dass es erste ‚Fehlerhaft!‘ Ausrufe am Tisch gab. Das war etwas verwirrend für mich, schien mir ebendieser Wein doch mit Abstand das Tollste zu sein, was ich bis dahin an diesem Tag zu kosten bekommen hatte. Mit unserer Wertungsbandbreite zwischen 12 (die anderen) und 18 Punkten (ich) musste der Schiedsrichter eingeschaltet werden, was ich mir insgeheim sogar gewünscht hatte. Nicht zuletzt um zu sehen, wie der gute Mann seine vermittelnde Tätigkeit wahrnehmen würde. Er tat es sehr gefühl- und verständnisvoll, und am Ende hatten wir einen 16-Punkteschnitt. Das hilft zwar in Summe auch nicht wirklich, weil keiner der Verkoster wirklich zufrieden ist. Aber das ist wohl Bestandteil jedes Verkostungssystems. Systemimmanent quasi. Wir waren trotzdem durch mit der ersten Runde und durften zum Mittagsessen. Da gab es Spargel und Broadwöschd (= Bratwurst) was vielen Nicht-Franken die Fragezeichen in die Augen trieb und dennoch gegessen wurde. Der Frage ob zum Spargel eine Sauce – Hollandaise – gereicht werden soll oder nicht, war ein weiterer Streitpunkt, musste aber nicht vom Schiedsrichter geschlichtet werden. Sondern wurde von den Verweigerern schlicht weggelassen. So gehts auch.

Am Nachmittag folgte dann die zweite Runde der Verkostung. Die punkthöchsten Weine des Vormittags wurde jetzt in neuen Flights von anderen Verkosten bewertet. Da wurde auch nicht mehr gesprochen, sondern nur geschlürft und gespuckt und notiert. Vor allem musste jetzt keine Rücksicht mehr auf andere Verkoster genommen werden, die Punktezahl hing ganz allein an jeder einzelnen Zunge. Erfreulicherweise gab es für mich nach den Silvaner Kabinetten und Spätburgundern des Vormittags, auch die besten süssen Weine ins Glas. Meine Vorliebe für diese Erzeugnisse ist nicht ganz unbekannt, Kollege Kühnemund liess es sich dann auch nicht nehmen, mich mit der Messenger Nachricht „Spuckst Du überhaupt bei diesem Flight?“ aus allen Süßweinträumen zu reissen. Zugegeben – kein ganz weltfremder Einwurf. Den mir bis zu diesem Zeitpunkt unbekannten Siegerwein wollte ich gleich nochmal degustieren. Ein Wunsch der – das zeigte mir das ungläubige Raunen im Saal – nicht den üblichen Usancen einer solchen Veranstaltung entsprach. Sei’s drum – dieses goldene Elixier wollte geschluckt werden. Und wer bin ich dem zu widerstehen? Also nahm sich eine der zahlreichen Weinprinzessinnen meiner und des 2012 Gössenheimer Homburg, Silvaner Eiswein vom Weingut Klaus Höfling aus Eußenheim dankenswerter Weise an. Und wenn ich mich durch diese meine Leidenschaft nicht völlig diskreditiert haben sollte, komme ich gerne wieder. 2016. Nach Würzburg. Zu nächsten Best of Gold. Aber dann wird gesungen!
Glas des Anstosses

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