DAS HOCH IM NORDEN: WEINGUT NEDER

DAS HOCH IM NORDEN: WEINGUT NEDER

Das könnte man wirklich „gerade noch“ Franken nennen. Oberhalb von Schweinfurt, kurz vor Bad Kissingen, liegen die wahrscheinlich nördlichsten Weinberge Bayerns. Ein Gebiet, daß im Zusammenhang mit fränkischem Wein gerne ein wenig vergessen wird. Ein eklatanter Fehler, denn der Jungwinzer Lorenz Neder aus Ramsthal hat in den letzten Jahren das elterliche Weingut ziemlich umgekrempelt und zu einer Adresse für die Freunde knackiger Weissweine gemacht.

Lorenz Neder

Wie ein Ufo …

Das erste was auffällt ist das Gebäude. Es wirkt im Ort wie ein gelandetes Raumschiff. Diese mutige Architektur kennt man eher aus Österreich oder Südtirol, ein hochmodernes Gebäude, schlicht, aus angerostetem Cortenstahl, Beton und vielen Glaselementen, die Licht in das Gebäude lassen und gleichzeitig den Blick nach außen ermöglichen. Sehr klar und geometrisch gerade ist das, mit deutlichen Kanten, ohne Schnörkel. Der Gegensatz zu den umliegenden Häusern könnte nicht größer sein: Vis-à-vis das 60-er Jahre Eigenheimglück inklusive steuerlich abgeschriebener Einliegerwohnung, Schwarz-Rot-Gold und FC Bayern Flagge am Mast im Vorgarten. Deutsche Provinzidylle. Und sowenig das Gebäude in den Kontext passt, sowenig ist Lorenz Neder ein stromlinienförmiger Winzer. Das Gebäude macht das Wesen seines Besitzers und der darin erzeugten Weine deutlich. Gerade. Klar. Kantig. Eigenwillig.

Lorenz Neder macht Weine, die er nur noch selten zu Verkostungen anstellt. Denn seine Gewächse stoßen da kaum auf offene Gaumen. Extrem trocken, sehr mineralisch, fast schmerzhaft am Zahnfleisch, gerne mit ein wenig Maischestand bei den Weissen. Das wird in der jungen Gastroszene der Großstädte gesucht – aber nicht bei der Qualitätsweinprüfung oder Gebietspräsentation. Seine Eltern – selber noch lange nicht im Ruhestand – lassen dem Junior schon seit einigen Jahren nicht nur freie Hand – sie tragen das Konzept mit. Unterstützen ihn wo immer es geht, helfen, aber reden nicht rein. Betriebsnachfolge wie aus dem Bilderbuch.

Straff, mineralisch, klar – Flaschen auf!

Der Basissilvaner, die Benchmark in jedem fränkischen Weingut. 2016 Wirmsthaler Scheinberg, Silvaner Kabinett trocken. Ein Zuchtmeister mit 11,5 Alk, 0,3 Restzucker. Zunächst deutet er noch zarte Nussnoten an, verstärkt durch ein wenig CO2. Im Mund super sauber, richtig straff und ziehend, das Zahnfleisch wird durchblutet wie als ob Schmiergelpapier dran wäre. Das fasziniert, strengt den Mund an, aber jede Faser des Körpers schreit „Sauf weiter!“ Das ist der Archetyp fränkischen Silvaners, keine Kompromisse, keine dienenden oder sonstige Süsse. Das ist pures Mineral.

Diese fordernde Mineralität, die bis ins Schmerzhafte geht, stellt Lorenz auch auch bei seinen weißen Burgunder vor. Den Weißen Burgunder Spätlese trocken, Ramsthaler St. Klausen gibt es in den Varianten Edelstahl und Barrique. Der 2015 aus dem Stahl stellt eine Frage sofort in den Geschmacksraum: Was zum Teufel soll ein Weißburgunder mit Frucht? „Frucht ist Kitsch“, hat Uli Luckert vor Jahren mal im Kollegenkreis postuliert, Lorenz scheint das gehört zu haben. Sein Wein steht nur auf den Geschmackspfeilern Mineral und Säure. Das ist meilenweit entfernt von den geschmeidigen Cremigkeit die von vielen Kollegen gesucht wird. Er spricht von „lebhafter Säurestruktur“, eine freundliche Umschreibung für den Zug, den der Wein im Mund entwickelt. Keine 10 Euro kostet dieses  kleine Wunder, dass sich problemlos in einen Kontext mit Chablis stellen lässt.

Der 2013 Weißburgunder hat in einer zweiten Variante auch im Barrique gelegen, die Nase lässt keinen Zweifel daran. Die üppige Kokos-Karamell Aromatik lässt Schlimmes erwarten. Tabak, Pflaume, Quitte, Mocca, das Ding hat einiges zu bieten für die Nase. Aber nach diesem üppig-schmelzigen Start und dem aufkommenden Verdacht der Gaumenermüdung, zieht die Säure den gesamten Wein nach oben. Das macht überhaupt nicht satt, das bleibt trotz allem Holz immer frisch und trinkig, fast belebend. Man kann Lorenz vielleicht einiges nachsagen – aber Angst vor Säure hat der Junge sicher nicht.

Neder 81/13 statt 08/15

Und Gerbstoffe sucht er auch. Wie im 81/13. Eigenwilliger Name, ebensolcher Wein. Im  Jahrgang 2013 ein 100 % Silvaner, Maischestand, Barrique, unfiltiert, deutscher Landwein. Im Ergebnis ein Orangewein für Orangewein Hasser. Nur zarte orange Noten in der Farbe, dafür ein Duft nach gelben Früchten, etwas Dörrobst und Tabak. das Tannin und Gerbstoff verleihen dem Wein einen langen „kühlen“ Nachhall. So schreibt Lorenz. Und vergisst zu erwähnen wie unglaublich süffig das Ganze ist, das es richtig Spass das Glas in großen Zügen zu leeren. Und nicht nur schwenkend und riechend zu philosophieren über all das, was da drin ist, oder drin sein könnte. Das ist pur, sauber und verdammt genussvoll.

Er hat Talent und er hat eine klare Vorstellung von dem, was er tut. Lorenz gehört auch zur Ethos Gruppierung, einem Zusammenschluss junger fränkischer Winzer, die ihre Weine und ihr Tun stärker hinterfragen. Wenn dabei mehr Weine wie die von Lorenz Neder entstehen, könnte Franken ein wichtiger Impulsgeber für die gesamte deutsche Weinszene werden.

Kleiner hab ich es gerade nicht.

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